Das Skiffle-Festival in Hankasalmi – Kihveli Soikoon
Das Festival in Hankasalmi findet direkt am Bahnhof der 6000-Seelen Gemeinde statt und ist im Gegensatz zu unserem eine Wochenendveranstaltung auf mehreren Bühnen.
Am Freitag und Sonnabend wird von Mittags bis Abends im Magazin, nachmittags auf dem Marktplatz und abends im grossen Zelt Musik gemacht. Ab Mitternacht ist Session im Magazin bis um drei .
Am Sonntag Mittag gab es noch eine einstündige Veranstaltung auf dem Bahnhofsvorplatz der a-capella Gesangsgruppe Semmarit.
Es waren ein paar grössere Bands anwesend, welche die Abendveranstaltungen im Grossen Skifflezelt bestritten, andere Musiker spielten als Trio oder Duo im sogenannten Magazin, einem alten Bahnhofslagerschuppen oder auf einer der kleinen Bühnen auf dem Bahnsteig oder auf dem fünfzig Meter entfernten Markt. Freitag und Sonnabend gab es im Magazin eine Session von Mitternacht bis drei Uhr, wo jeder mitspielen konnte, der Lust hatte.
Ergänzt und aufgelockert wurde die Veranstaltung durch einen Transportkistenbassbaukurs (entschuldigung, aber die finnischen Worte sind auch immer so lang), die Finnen sagen Narubasso = Schnurbass dazu, der vom Bassisten der Werner Bros., Jaakko Tuukkanen abgehalten wurde. Am Ende kam Bruder und Gitarrist Jari dazu und es wurden zwei Stücke geübt, die dann später zusammen auf der Bühne auf dem Marktplatz vor Publikum gespielt wurden. Klasse Idee!
Weiterhin war eine Podiumsdiskussion über Skiffle in den beteiligten Ländern geplant (leider kamen die eingeladenen Engländer nicht dazu, es wäre bestimmt interessant gewesen). Es wurde dann improvisiert. Jari Tuukkanen erzählte auf Finnisch über die Werner Bros. (Es war bestimmt sehr interessant!) und Hermann Christiansen von den Old Boys erklärte auf englisch, welches dort wirklich sehr gut verstanden wird, den Werdegang seiner Band. Die Old Boys spielten spontan noch ein paar Lieder und auch diese Veranstaltung war gerettet.
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Bei der Probe für den Auftritt mit den Werner Bros., die
am Schluss ihres Auftritts alle beteiligten Musiker auf der Bühne habe wollten,
lernten wir die englischen Teilnehmer kennen. Chas McDevitt, der 1957 mit
„Freight Train“ einen Riesenhit hatte und neben Lonnie Donegan der einzige von
den alten Skifflern, der heute noch mit seiner eigenen Band auftritt , die
Gruppe Lonnigans und nicht zuletzt Martyn Oram und Mike Martin vom London
Philharmonic Skiffle Orchestra.
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Besonders mit letzteren hatten wir viel Spass und die geknüpften Kontakte werden bestimmt irgendwann irgendetwas hervorbringen, und wenn das auch nur wieder irgendein Quatsch ist. Egal. Übrigens haben diese komischen Engländer andauernd alles mögliche fotografiert. Merkwürdig.
Auf dem gut belebten Markt gab es Stände mit einheimischen
Spezialitäten. Das Radio und mehrere Zeitungsreporter waren anwesend und
machten Interviews. Leider sorgten gelegentliche Schauer für Störungen des
bunten Treibens.
Das Festival zieht jedes Jahr an drei Tagen insgesamt
um die 10000 Zuschauer an, wobei es
möglich ist, einzelne Veranstaltungen zu besuchen, oder eine Karte für alle Veranstaltungen zu erwerben. Manches findet allerdings gleichzeitig statt.
Eine sehr gute Note muss man der
Veranstaltungstechnik ausstellen, die Verstärkeranlagen waren vom Feinsten und
wurden von Spitzenkräften bedient, für die der Umgang mit eigenwilligen
ausländischen Musikern nichts ungewöhnliches war.
Aber auch das finnische Publikum
ist ein Erlebnis, die Menschen waren fröhlich und freundlich, es waren kaum
muffelige Leute zu sehen, wie man sie hierzulande öfter findet.
Preise für Alkohol sind in
Skandinavien bekannter Massen recht hoch, deshalb ist es interessant, dass das
Bier auf der Veranstaltung zum etwa gleichen Preis wie im Laden zu haben war.
Es durfte allerdings nur im Zelt getrunken werden, und direkt vor der Bühne war
eine mehrere Bänke breite alkoholfreie Zone.
Rauchen hingegen durfte man nur
im Freien, was für Leute, die gerne beides zusammen tun, etwas problematisch
wurde. In Finnland darf man eigentlich überall nur draussen rauchen. Schlechte
Zeiten für Pfeifenraucher im Winter bei dreissig Grad minus!
Die Einhaltung der Regeln wurde
durch eine grosse Zahl von Ordnern gesichert, die an einem Sicherheitsfarbenen
Überwurf erkennbar waren. Diese waren völlig normale Bürger, vielfach Frauen,
keine speziellen Bodybuilder oder ähnliches.
Wenn jemand mit einem Bier das
Zelt verlassen oder es mit einer Zigarette betreten wollte, bedurfte es auch
nur ein paar netter Worte und mit einer entschuldigenden Geste ging der
potentielle Delinquent zurück um erst das Bier auszutrinken oder aufzurauchen.
Wir haben keinerlei Aggressivität erlebt, noch nicht mal Unmut, ohne den es bei
uns sicher nicht abgegangen wäre. Auch nach Alkoholgenuss waren die Leute
friedlich und freundlich.
Viele Kinder waren auch bis spät
noch anwesend, wozu sicher auch beiträgt, dass es im Sommer nachts nicht
richtig dunkel wird. Um Mitternacht konnte man bei gutem Wetter noch im Freien
lesen, wenn man das Gesumm der Mücken ertrug, die allerdings längst nicht so
schlimm waren, wie man uns erzählt hatte.

Wirklich beeindruckend war die
Show der Werner Brothers am Freitag abend. Es war Schauspiel (der Basspieler
baute seine Kiste auf der Bühne zusammen), tolle, wilde Musik (die Brüder
beherrschen ihre Instrumente wirklich!) und Tanz (der Höhepunkt, als die beiden
gewichtigsten gemeinsam ihre Hüften schwangen) und schon allein eine Reise
wert.
Die Old Boys spielten am Sonnabend.
Die Ansagen wurden auf englisch
gemacht, was recht gut ankam.
Als Krönung hatte Günter ein paar
finnische Texte vorbereitet, die er einem staunenden Publikum vorlas.
Wir konnten nicht feststellen, ob er verstanden wurde, jedenfalls waren die Leute begeistert. Auch einige Liedstrophen wurden in Finnisch präsentiert und gehören jetzt zum Repertoire (Finnen gibt es schliesslich überall!).
Auf die Old Boys folgte die Gruppe Lonnigans aus England, deren Skiffle viele Jazz- und Blueselemente enthält. Neben der hervorragenden Sängerin und anderen recht jungen Musikern steht am Waschbrett Derek Mason, der auch schon in den Fünfzigern geskiffelt hat. Als Höhepunkt kam nach einer Weile Chas McDevitt dazu, bekannt durch seinen 1957er Hit "Freight Train", der zeigte, dass so ein Alt-Skiffler den jungen Dachsen noch etwas vormachen kann.
Am Sonntag waren auf dem Zeltvorplatz Bänke vor einer
Absperrleine aufgestellt. Sie füllten sich mit Leuten und alles wartete
gespannt. Nach einer Weile erschien ein grosser LKW und kurvte vor die
Absperrung. Hinter dem LKW erschienen eine Menge Leute in weissen Overalls und
begannen, die Seitenwand herunterzukurbeln, und Boxen und
Scheinwerfer aufzustellen. Mir fiel allerdings auf, dass
alle so eine kleine Knolle am Mundwinkel trugen. Als der LKW in Rekordzeit zur
Bühne geworden war, kamen die Männer wieder, ohne Overalls und mit Fliege. Auch
was sie musikalisch zu bieten hatten, konnte sich hören lassen. Die Show war
schon ein Knüller, ohne auch nur ein Wort zu verstehen. Sie touren auch in
Mitteleuropa, dann allerdings machen sie alles in englisch. Empfehlenswert.

Martyn Oram und Mike Martin
bilden normalerweise das London Philharmonic Skiffle Orchestra (LPSO), waren
aber sozusagen inkognito nur als Martyn und Mike da. Mit dem LPSO hatten sie im
letzten Jahr dort gespielt und waren so inspiriert, dass Mike extra für diesen
Anlass ein Lied namens "Hankasalmi" geschrieben und auf CD
aufgenommen hat. Übrigens sehr gut!
Die Betreuung durch die Gastgeber
war vorbildlich. Die Musiker und die mitgereisten Angehörigen wurden am
Flughafen abgeholt, mit Sekt begrüsst, ausgezeichnet untergebracht und
verpflegt, und mehrmals von der Unterkunft zum Spielort und zurück gefahren.
Wer am Sonntag noch etwas länger bleiben konnte (sorry,
Blädels) konnte noch an einer Führung durch Hankasalmi mit Besuch der Kirche,
einer Motorbootsfahrt auf dem See und an einem Abend auf einem Original
finnischen Bauernhof mit Folkloremusik, Kaffe und Kuchen, später Räucherlachs
und schliesslich diversen Likörchen teilnehmen. Auch bei dieser Gelegenheit
haben sich die Old Boys als würdige Gäste gezeigt und ein paar Lieder für die
Gastgeber gespielt.
Übrigens: Kihveli ist keine
Wortgetreue Übersetzung für Skiffle, es bedeutet eigentlich Schaufel und ist hier
eine Bezeichnung für handgemachte Musik.